My German-Language text on US party political history
Posted: Thu Apr 16, 2026 3:34 am
Yesterday, over in the US Politics Thread, I posted a relatively long, but still fairly thought if you keep in mind what subject it's about, text I had written in German about the history of the two main parties in the USA since the late 19th century.
This has already led to some people trying to practise their German there, and I thought other people in that thread might see that as an annoying distraction.
So I thought I'd start a new thread where I'll post the text directly, and where people can discuss either the political and historical aspects of the text, or the "how to use the German language"-aspects, as they like.
For reference, the initial post with a download link for a zip file which contains both a pdf and an epub version of the text is here:
https://www.verduria.org/viewtopic.php?p=107022#p107022
This will probably take 4 posts here:
TEIL 1 / PART 1:
Keine organisierte Partei
Das Zweiparteiensystem in den Vereinigten Staaten vom späten neunzehnten Jahrhundert bis heute
(Leider ist das hier keine sorgfältig durchgearbeitete akademische Arbeit mit Fußnoten oder so etwas in der Art. Wer diesen Text als Grundlage für so etwas verwenden will, muss die entsprechenden Informationen woanders nochmal nachschlagen.)
Da bei Wahlen in den USA fast immer die eine oder andere Form des Mehrheitswahlrechts angewendet wird, werden Stimmen, die für kleinere Parteien abgegeben werden, praktisch „verschwendet“. Darum wählen die meisten Leute lieber eine von zwei großen Parteien, was praktisch zu einem Zweiparteiensystem führt. Der vornehme akademische Ausdruck dafür ist „Duvergers Gesetz“. Daher gab es in den USA meistens nur zwei ernsthafte politische Parteien - auf der lokalen Ebene an vielen Orten oft sogar nur eine - und während sich die Strukturen und Namen dieser Parteien in den ersten 90 Jahren der Geschichte des Landes (also ungefähr 1776-1866) manchmal verändert haben, waren es seit den 1870er-Jahren meistens die Demokraten und die Republikaner.
Gleichzeitig waren die Vereinigten Staaten praktisch ihre ganze Geschichte über zu groß und kompliziert, um wirklich nur zwei große politische Positionen zu haben. Und so waren beide Parteien meistens intern Bündnisse aus allen möglichen verschiedenen Gruppen. Während in Ländern mit mehreren Parteien häufig verschiedene Parteien miteinander Koalitionen bilden, fand und findet die Koalitionsbildung in den USA innerhalb der zwei großen Parteien statt.
Aber welche Gruppen sich welcher Partei anschlossen, hat sich im Laufe der Zeit teilweise sehr dramatisch verändert - auch wenn einige Anhänger der Republikanischen Partei manchmal so tun, als ob beide Parteien immer noch das wären, was sie 1870 waren. Und darum soll es hier gehen. Ich fange mit der Zusammensetzung der Parteien im späten 19. Jahrhundert an. Der Einfachheit halber behandle ich erst die Innenpolitik und dann erst am Ende die Außenpolitik. Die Reihenfolge des Textes ist teilweise nach Zeit, teilweise nach Themen sortiert.
Beschreibungen meines Eindrucks von den Perspektiven anderer Menschen sind natürlich nicht immer Beschreibungen meiner eigenen Meinung!
Kleine Anmerkung zu einem bestimmten Aspekt der damaligen politischen Kultur der USA: Als das Land gegründet wurde, war es eine neue Republik in einer überwiegend monarchistischen Welt, und es gab für eine Weile einige sehr idealistische Vorstellungen davon, wie republikanische Staatsformen funktionieren sollten. Teil davon war, dass Politiker sich idealerweise gar nicht um Ämter bewerben sollten, sondern sich ganz auf ihre privaten Angelegenheiten konzentrieren sollten und sich nur sehr zögerlich, mit sehr viel Überzeugungsarbeit, von ihren Mitbürgern dazu überreden lassen sollten, öffentliche Ämter zu übernehmen.
Das war natürlich von Anfang an größtenteils Quatsch, aber noch bis ins frühe 20. Jahrhundert wurde es in einigen Zusammenhängen als Sache der guten Manieren angesehen, so zu tun, als ob es stimmen würde. Ein Ergebnis war, dass lange Zeit Präsidentschaftskandidaten der großen Parteien gar nicht die Parteitage besuchten, bei denen sie offiziell für die Präsidentschaft nominiert wurden. Es sollte ja schließlich nicht so aussehen, als ob sie wirklich Präsident werden wollten. Erst 1932 brach Franklin D. Roosevelt mit dieser Tradition.
Wo wir gerade beim Thema Wahljahre sind: US-Wahlen finden in der Regel im November statt, und der Amtsantritt der gewählten Kandidaten früh im nächsten Jahr. Wann genau, hat sich im Laufe der Geschichte geändert und ist auch von Amt zu Amt verschieden. Das kann verwirrend sein, wenn man hört, dass jemand in einem Jahr gewählt wurde und seine Amtszeit dann vom nächsten Jahr an datiert wird.
Ausgangssituation
Zurück zum Hauptthema. Im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert waren die Hauptbestandteile der Republikanischen Partei
1. das Establishment des Nordostens der USA – die großen, reichen und fest etablierten Familien
2. Geschäftsleute in den meisten Teilen des Landes, aber damals meistens nicht im Süden
3. Leute in vielen ländlichen Gegenden außerhalb des Südens, und
4. einige der relativ wenigen Schwarzen, die das „Glück“ hatten, an Orten zu leben, an denen sie ohne größere Schwierigkeiten wählen konnten, und die sich noch an die Republikaner als Partei Abraham Lincolns gebunden fühlten.
Die Demokratische Partei bestand in erster Linie aus einer Reihe von Gruppen, die wenig miteinander gemeinsam hatten, außer, dass sie alle aus verschiedenen Gründen das Establishment des Nordostens hassten. In erster Linie waren das Leute in Großstädten, im Nordosten aber auch anderswo, die selber nicht zum Establishment gehörten, und Weiße im Süden, die ihr eigenes Establishment hatten, das noch frische und bittere Erinnerungen an die Zeit hatte, als es einen sehr blutigen Bürgerkrieg gegen das Establishment des Nordostens geführt hatte.
Die nicht zum Establishment gehörenden Wähler der Demokraten in den Großstädten waren meistens Einwanderer aus verschieden Teilen Europas und Leute, deren Vorfahren vor relativ wenigen Generationen von dort eingewandert waren. An vielen Orten waren sie größtenteils Katholiken und zu geringerem Ausmaß Juden oder orthodoxe Christen. Das Establishment hatte dagegen den Ruf, aus „WASPs“ zu bestehen – weißen angelsächsischen Protestanten.
Gleichzeitig waren Weiße im Süden zu der Zeit neben ihren anderen weit verbreiteten Vorurteilen meistens auch entschieden antikatholisch eingestellt. Man kann also stark vereinfacht sagen, dass die Demokratische Partei zu dieser Zeit ein Bündnis aus Katholiken im Norden und entschieden antikatholischen Leuten im Süden war. Das hat manchmal geklappt, aber nicht immer.
Im Präsidentschaftswahlkampf von 1884 beschrieb ein protestantischer Pastor bei einer Wahlkampfveranstaltung der Republikaner die Demokraten als eine Partei von „Rum, Romanismus und Rebellion“. Der Stabreim funktioniert auch im englischen Original. Er meinte damit, die Demokraten wären erstens in der Debatte darüber, ob Alkohol verboten werden sollte, für Alkohol – mehr darüber später – zweitens wären sie die Partei der Katholiken, und drittens die Partei der Weißen im Süden, die während des Bürgerkrieges gegen den Bund rebelliert hatten. Übrigens gewann der demokratische Kandidat in dem Jahr die Präsidentschaftswahl.
Ein halbes Jahrhundert später, in den 1930er Jahren, sagte der Humorist Will Rogers über die häufigen inneren Spannungen der Demokratischen Partei: „Ich gehöre zu keiner organisierten politischen Partei. Ich bin Demokrat.“ Damit meinte er nicht, dass er aus Prinzip nur für die Demokratie und nicht für bestimmte Parteien wäre, sondern, dass die Demokraten so schlecht organisiert wären, dass man sie nicht wirklich als organisierte politische Partei bezeichnen könnte.
Da im Süden zu der Zeit Schwarze nicht wählen konnten und Weiße noch sehr entschieden gegen die Partei Abraham Lincolns eingestellt waren, konnten die Politiker der Demokraten im Süden, die man „Dixiecrats“ nannte, ihren Teil des Landes nicht nur als ein de-facto Apartheidssystem, sondern auch praktisch als Einparteienstaat führen. Ihre ungeschriebene Vereinbarung mit den Demokraten im Rest des Landes war, dass sie im Süden machen konnten, was sie wollten – und das waren häufig sehr, sehr schlimme Sachen – und dafür auf der Bundesebene zuverlässig die Demokratische Partei unterstützten.
Eines der Mittel, die die Dixiecrats benutzen konnten, um ihre Machtposition zu erhalten, war eine interne Vorschrift der Demokratischen Partei, nach der ein Präsidentschaftskandidat für seine Nominierung die Stimmen von zwei Dritteln der Parteitagsdelegierten brauchte. Das gab dem weißen Süden praktisch ein Veto gegen Kandidaten, die er unakzeptabel fand. Diese Vorschrift wurde erst 1936 aufgehoben.
Ein anderes Mittel war der „filibuster“ im US-Senat.
Der Filibuster
Das Wort „filibuster“ leitet sich ursprünglich vom niederländischen Wort „vrijbuiter“ her, ein Wort das, Überraschung, ungefähr dem deutschen Wort „Freibeuter“ entspricht. In einer Zeit, in der viele niederländische Piraten spanische Schiffe enterten, wurde es als „filibustero“ ins Spanische übernommen. Irgendwie fand es dann seinen Weg in die englische Sprache, und endete dort als ein Wort für eine bestimmte parlamentarische Taktik. Nämlich, dass bei einer Debatte einige der Teilnehmer durch sehr lange Reden die Debatte „entern“, und es unmöglich machen, über den Antrag, um den es geht, überhaupt erst abzustimmen.
Diese Methode wurde und wird besonders im US-Senat angewendet. Ein ganz auf sich allein gestellter Senator kann natürlich mit einem Filibuster nicht viel erreichen, weil er irgendwann einfach körperlich nicht mehr weiterreden kann. Aber eine kleine Gruppe von gleichgesinnten Senatoren kann, wenn sie sich abwechseln, auf diese Art eine Abstimmung über etwas praktisch für immer verhindern.
In der Praxis war es lange Zeit die ungeschriebene Vereinbarung im Senat, dass die jeweilige Mehrheitsfraktion zustimmte, die Möglichkeit, einen Filibuster durchzuführen, in der Geschäftsordnung des Senats zu belassen, und im Gegenzug die jeweilige Minderheitsfraktion den Filibuster nur dann tatsächlich einsetzte, wenn ihr die Blockade eines bestimmten Antrags wirklich sehr wichtig war. Einer der häufigsten Anlässe dafür war es, wenn die Senatoren des Südens auf diese Art Gesetze verhinderten, die versuchten, etwas an der extrem rassistischen Art, auf die der Süden beherrscht wurde, zu ändern.
Die eben genannte ungeschriebene Vereinbarung hielt mehr oder weniger so lange, bis während der Präsidentschaft Barack Obamas die Republikaner im Senat anfingen, praktisch dauernd mit dem Filibuster zu drohen. Ursprünglich brauchte man laut Geschäftsordnung eine Zweidrittelmehrheit, um einen Filibuster zu brechen; später eine Drei-Fünftel-Mehrheit; und seit relativ kurzer Zeit bei Abstimmungen über Ernennungen nur noch eine absolute Mehrheit.
Eine weitere Stütze der Macht der Dixiecrats im frühen und mittleren 20 Jahrhundert war das Senioritätssystem im US-Kongress, das manchmal von seinen Gegnern als „Senilitätssystem“ bezeichnet wurde. Die Posten der Vorsitzenden von Ausschüssen wurden und werden an die Mitglieder der Mehrheitsfraktion der jeweiligen Kammer mit den längsten Amtszeiten gegeben. Und weil Politiker der Dixiecrats, wenn sie einmal im Amt waren, meistens wiedergewählt werden konnten, so lange sie es wollten, stellten sie in Zeiten, in denen die Demokraten die Mehrheit hatten, die meisten Ausschussvorsitzenden. Außerdem ermöglichte und ermöglicht es die Geschäftsordnung meistens den Ausschussvorsitzenden, Sachen, die an ihre Ausschüsse verwiesen worden waren, zu blockieren, wenn sie das wollten.
Maschinen und Bosse
Für lange Zeiten im 19. und 20. Jahrhundert wurde die Kommunalpolitik in großen Teilen der USA von Organisationen dominiert, die man als „machines“, also „Maschinen“, bezeichnete. Eine machine war eine Kombination aus Parteiapparat und Klüngelnetzwerk, die Gefälligkeiten gegen Unterstützung austauschte und sich so an der Macht hielt. Viele machines waren Organisationen der Demokraten, aber es gab sie auch bei den Republikanern.
Das Grundprinzip war, dass die machine durch ihre dominante Stellung in der Politik und ihre Kontakte einfache Leute mit Arbeitsplätzen, Geschäftsleute mit staatlichen Aufträgen, und allgemein Leute, die bei irgend etwas Hilfe brauchten, mit der entsprechenden Hilfe versorgen konnte. So waren viele Leute der machine Gefallen schuldig, und erinnerten sich daran, wenn es entweder eine Wahl gab, oder die machine im Gegenzug irgend etwas anderes von ihnen wollte. Die Unterstützung dieser Leute sorgte dafür, dass die machine in der örtlichen Politik dominant blieb und dadurch weiterhin ihre Gefallen verteilen konnte. Und so ging es weiter und weiter. Besonders neue Einwanderer waren häufig sehr darauf angewiesen, dass die machine ihnen dabei half, sich in einem neuen Land zurechtzufinden.
An der Spitze der machine stand der boss. Manchmal war das ein Bürgermeister, manchmal ein Stadtrat, manchmal der Leiter einer örtlichen Parteiorganisation, und vielleicht manchmal sogar ein Mann, der offiziell gar kein Amt innehatte, bei dem aber trotzdem alle wussten, dass er das Sagen hatte. Der vielleicht bekannteste und berüchtigste boss war Boss Tweed, der im späten 19. Jahrhundert in New York Tammany Hall, die bekannteste aller machines, führte. Tweed soll so offen schamlos gewesen sein, das gesagt wird, er hätte einmal, als ihm ein Journalist Beweise für seine korrupten Machenschaften vorlegte, als Antwort einfach gefragt: „Und, was wollen Sie dagegen machen?“
Republikaner behaupten manchmal, die Anhänger der Demokraten in den großen Städten wären alles machine-Leute, aber in vielen Städten gab es häufig lange Zeit innerhalb der örtlichen Demokratischen Partei erbitterte Kämpfe zwischen der örtlichen machine und ihren Gegnern.
Eine letzte kleine Geschichte zur Illustration des Politikstils der machines: Es wird gesagt, dass im Chicago der späten 1940er Jahre ein idealistischer junger Mann namens Abner Mikva politisch aktiv werden wollte. Da ernsthafte Politik dort zu der Zeit nur von den Demokraten gemacht wurde, ging er ins nächste Büro der Demokratischen Partei und wurde schließlich zum Stadtteilboss geführt. Nachdem Mikva sich vorgestellt hatte, nahm der Stadtteilboss seine Zigarre aus dem Mund und fragte: „Wer hat Sie geschickt?“ Mikva antwortete: „Niemand hat mich geschickt. Ich bin aus eigener Initiative gekommen.“ Und daraufhin sagte der Stadtteilboss: „Wir wollen hier niemanden, den niemand geschickt hat!“
This has already led to some people trying to practise their German there, and I thought other people in that thread might see that as an annoying distraction.
So I thought I'd start a new thread where I'll post the text directly, and where people can discuss either the political and historical aspects of the text, or the "how to use the German language"-aspects, as they like.
For reference, the initial post with a download link for a zip file which contains both a pdf and an epub version of the text is here:
https://www.verduria.org/viewtopic.php?p=107022#p107022
This will probably take 4 posts here:
TEIL 1 / PART 1:
Keine organisierte Partei
Das Zweiparteiensystem in den Vereinigten Staaten vom späten neunzehnten Jahrhundert bis heute
(Leider ist das hier keine sorgfältig durchgearbeitete akademische Arbeit mit Fußnoten oder so etwas in der Art. Wer diesen Text als Grundlage für so etwas verwenden will, muss die entsprechenden Informationen woanders nochmal nachschlagen.)
Da bei Wahlen in den USA fast immer die eine oder andere Form des Mehrheitswahlrechts angewendet wird, werden Stimmen, die für kleinere Parteien abgegeben werden, praktisch „verschwendet“. Darum wählen die meisten Leute lieber eine von zwei großen Parteien, was praktisch zu einem Zweiparteiensystem führt. Der vornehme akademische Ausdruck dafür ist „Duvergers Gesetz“. Daher gab es in den USA meistens nur zwei ernsthafte politische Parteien - auf der lokalen Ebene an vielen Orten oft sogar nur eine - und während sich die Strukturen und Namen dieser Parteien in den ersten 90 Jahren der Geschichte des Landes (also ungefähr 1776-1866) manchmal verändert haben, waren es seit den 1870er-Jahren meistens die Demokraten und die Republikaner.
Gleichzeitig waren die Vereinigten Staaten praktisch ihre ganze Geschichte über zu groß und kompliziert, um wirklich nur zwei große politische Positionen zu haben. Und so waren beide Parteien meistens intern Bündnisse aus allen möglichen verschiedenen Gruppen. Während in Ländern mit mehreren Parteien häufig verschiedene Parteien miteinander Koalitionen bilden, fand und findet die Koalitionsbildung in den USA innerhalb der zwei großen Parteien statt.
Aber welche Gruppen sich welcher Partei anschlossen, hat sich im Laufe der Zeit teilweise sehr dramatisch verändert - auch wenn einige Anhänger der Republikanischen Partei manchmal so tun, als ob beide Parteien immer noch das wären, was sie 1870 waren. Und darum soll es hier gehen. Ich fange mit der Zusammensetzung der Parteien im späten 19. Jahrhundert an. Der Einfachheit halber behandle ich erst die Innenpolitik und dann erst am Ende die Außenpolitik. Die Reihenfolge des Textes ist teilweise nach Zeit, teilweise nach Themen sortiert.
Beschreibungen meines Eindrucks von den Perspektiven anderer Menschen sind natürlich nicht immer Beschreibungen meiner eigenen Meinung!
Kleine Anmerkung zu einem bestimmten Aspekt der damaligen politischen Kultur der USA: Als das Land gegründet wurde, war es eine neue Republik in einer überwiegend monarchistischen Welt, und es gab für eine Weile einige sehr idealistische Vorstellungen davon, wie republikanische Staatsformen funktionieren sollten. Teil davon war, dass Politiker sich idealerweise gar nicht um Ämter bewerben sollten, sondern sich ganz auf ihre privaten Angelegenheiten konzentrieren sollten und sich nur sehr zögerlich, mit sehr viel Überzeugungsarbeit, von ihren Mitbürgern dazu überreden lassen sollten, öffentliche Ämter zu übernehmen.
Das war natürlich von Anfang an größtenteils Quatsch, aber noch bis ins frühe 20. Jahrhundert wurde es in einigen Zusammenhängen als Sache der guten Manieren angesehen, so zu tun, als ob es stimmen würde. Ein Ergebnis war, dass lange Zeit Präsidentschaftskandidaten der großen Parteien gar nicht die Parteitage besuchten, bei denen sie offiziell für die Präsidentschaft nominiert wurden. Es sollte ja schließlich nicht so aussehen, als ob sie wirklich Präsident werden wollten. Erst 1932 brach Franklin D. Roosevelt mit dieser Tradition.
Wo wir gerade beim Thema Wahljahre sind: US-Wahlen finden in der Regel im November statt, und der Amtsantritt der gewählten Kandidaten früh im nächsten Jahr. Wann genau, hat sich im Laufe der Geschichte geändert und ist auch von Amt zu Amt verschieden. Das kann verwirrend sein, wenn man hört, dass jemand in einem Jahr gewählt wurde und seine Amtszeit dann vom nächsten Jahr an datiert wird.
Ausgangssituation
Zurück zum Hauptthema. Im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert waren die Hauptbestandteile der Republikanischen Partei
1. das Establishment des Nordostens der USA – die großen, reichen und fest etablierten Familien
2. Geschäftsleute in den meisten Teilen des Landes, aber damals meistens nicht im Süden
3. Leute in vielen ländlichen Gegenden außerhalb des Südens, und
4. einige der relativ wenigen Schwarzen, die das „Glück“ hatten, an Orten zu leben, an denen sie ohne größere Schwierigkeiten wählen konnten, und die sich noch an die Republikaner als Partei Abraham Lincolns gebunden fühlten.
Die Demokratische Partei bestand in erster Linie aus einer Reihe von Gruppen, die wenig miteinander gemeinsam hatten, außer, dass sie alle aus verschiedenen Gründen das Establishment des Nordostens hassten. In erster Linie waren das Leute in Großstädten, im Nordosten aber auch anderswo, die selber nicht zum Establishment gehörten, und Weiße im Süden, die ihr eigenes Establishment hatten, das noch frische und bittere Erinnerungen an die Zeit hatte, als es einen sehr blutigen Bürgerkrieg gegen das Establishment des Nordostens geführt hatte.
Die nicht zum Establishment gehörenden Wähler der Demokraten in den Großstädten waren meistens Einwanderer aus verschieden Teilen Europas und Leute, deren Vorfahren vor relativ wenigen Generationen von dort eingewandert waren. An vielen Orten waren sie größtenteils Katholiken und zu geringerem Ausmaß Juden oder orthodoxe Christen. Das Establishment hatte dagegen den Ruf, aus „WASPs“ zu bestehen – weißen angelsächsischen Protestanten.
Gleichzeitig waren Weiße im Süden zu der Zeit neben ihren anderen weit verbreiteten Vorurteilen meistens auch entschieden antikatholisch eingestellt. Man kann also stark vereinfacht sagen, dass die Demokratische Partei zu dieser Zeit ein Bündnis aus Katholiken im Norden und entschieden antikatholischen Leuten im Süden war. Das hat manchmal geklappt, aber nicht immer.
Im Präsidentschaftswahlkampf von 1884 beschrieb ein protestantischer Pastor bei einer Wahlkampfveranstaltung der Republikaner die Demokraten als eine Partei von „Rum, Romanismus und Rebellion“. Der Stabreim funktioniert auch im englischen Original. Er meinte damit, die Demokraten wären erstens in der Debatte darüber, ob Alkohol verboten werden sollte, für Alkohol – mehr darüber später – zweitens wären sie die Partei der Katholiken, und drittens die Partei der Weißen im Süden, die während des Bürgerkrieges gegen den Bund rebelliert hatten. Übrigens gewann der demokratische Kandidat in dem Jahr die Präsidentschaftswahl.
Ein halbes Jahrhundert später, in den 1930er Jahren, sagte der Humorist Will Rogers über die häufigen inneren Spannungen der Demokratischen Partei: „Ich gehöre zu keiner organisierten politischen Partei. Ich bin Demokrat.“ Damit meinte er nicht, dass er aus Prinzip nur für die Demokratie und nicht für bestimmte Parteien wäre, sondern, dass die Demokraten so schlecht organisiert wären, dass man sie nicht wirklich als organisierte politische Partei bezeichnen könnte.
Da im Süden zu der Zeit Schwarze nicht wählen konnten und Weiße noch sehr entschieden gegen die Partei Abraham Lincolns eingestellt waren, konnten die Politiker der Demokraten im Süden, die man „Dixiecrats“ nannte, ihren Teil des Landes nicht nur als ein de-facto Apartheidssystem, sondern auch praktisch als Einparteienstaat führen. Ihre ungeschriebene Vereinbarung mit den Demokraten im Rest des Landes war, dass sie im Süden machen konnten, was sie wollten – und das waren häufig sehr, sehr schlimme Sachen – und dafür auf der Bundesebene zuverlässig die Demokratische Partei unterstützten.
Eines der Mittel, die die Dixiecrats benutzen konnten, um ihre Machtposition zu erhalten, war eine interne Vorschrift der Demokratischen Partei, nach der ein Präsidentschaftskandidat für seine Nominierung die Stimmen von zwei Dritteln der Parteitagsdelegierten brauchte. Das gab dem weißen Süden praktisch ein Veto gegen Kandidaten, die er unakzeptabel fand. Diese Vorschrift wurde erst 1936 aufgehoben.
Ein anderes Mittel war der „filibuster“ im US-Senat.
Der Filibuster
Das Wort „filibuster“ leitet sich ursprünglich vom niederländischen Wort „vrijbuiter“ her, ein Wort das, Überraschung, ungefähr dem deutschen Wort „Freibeuter“ entspricht. In einer Zeit, in der viele niederländische Piraten spanische Schiffe enterten, wurde es als „filibustero“ ins Spanische übernommen. Irgendwie fand es dann seinen Weg in die englische Sprache, und endete dort als ein Wort für eine bestimmte parlamentarische Taktik. Nämlich, dass bei einer Debatte einige der Teilnehmer durch sehr lange Reden die Debatte „entern“, und es unmöglich machen, über den Antrag, um den es geht, überhaupt erst abzustimmen.
Diese Methode wurde und wird besonders im US-Senat angewendet. Ein ganz auf sich allein gestellter Senator kann natürlich mit einem Filibuster nicht viel erreichen, weil er irgendwann einfach körperlich nicht mehr weiterreden kann. Aber eine kleine Gruppe von gleichgesinnten Senatoren kann, wenn sie sich abwechseln, auf diese Art eine Abstimmung über etwas praktisch für immer verhindern.
In der Praxis war es lange Zeit die ungeschriebene Vereinbarung im Senat, dass die jeweilige Mehrheitsfraktion zustimmte, die Möglichkeit, einen Filibuster durchzuführen, in der Geschäftsordnung des Senats zu belassen, und im Gegenzug die jeweilige Minderheitsfraktion den Filibuster nur dann tatsächlich einsetzte, wenn ihr die Blockade eines bestimmten Antrags wirklich sehr wichtig war. Einer der häufigsten Anlässe dafür war es, wenn die Senatoren des Südens auf diese Art Gesetze verhinderten, die versuchten, etwas an der extrem rassistischen Art, auf die der Süden beherrscht wurde, zu ändern.
Die eben genannte ungeschriebene Vereinbarung hielt mehr oder weniger so lange, bis während der Präsidentschaft Barack Obamas die Republikaner im Senat anfingen, praktisch dauernd mit dem Filibuster zu drohen. Ursprünglich brauchte man laut Geschäftsordnung eine Zweidrittelmehrheit, um einen Filibuster zu brechen; später eine Drei-Fünftel-Mehrheit; und seit relativ kurzer Zeit bei Abstimmungen über Ernennungen nur noch eine absolute Mehrheit.
Eine weitere Stütze der Macht der Dixiecrats im frühen und mittleren 20 Jahrhundert war das Senioritätssystem im US-Kongress, das manchmal von seinen Gegnern als „Senilitätssystem“ bezeichnet wurde. Die Posten der Vorsitzenden von Ausschüssen wurden und werden an die Mitglieder der Mehrheitsfraktion der jeweiligen Kammer mit den längsten Amtszeiten gegeben. Und weil Politiker der Dixiecrats, wenn sie einmal im Amt waren, meistens wiedergewählt werden konnten, so lange sie es wollten, stellten sie in Zeiten, in denen die Demokraten die Mehrheit hatten, die meisten Ausschussvorsitzenden. Außerdem ermöglichte und ermöglicht es die Geschäftsordnung meistens den Ausschussvorsitzenden, Sachen, die an ihre Ausschüsse verwiesen worden waren, zu blockieren, wenn sie das wollten.
Maschinen und Bosse
Für lange Zeiten im 19. und 20. Jahrhundert wurde die Kommunalpolitik in großen Teilen der USA von Organisationen dominiert, die man als „machines“, also „Maschinen“, bezeichnete. Eine machine war eine Kombination aus Parteiapparat und Klüngelnetzwerk, die Gefälligkeiten gegen Unterstützung austauschte und sich so an der Macht hielt. Viele machines waren Organisationen der Demokraten, aber es gab sie auch bei den Republikanern.
Das Grundprinzip war, dass die machine durch ihre dominante Stellung in der Politik und ihre Kontakte einfache Leute mit Arbeitsplätzen, Geschäftsleute mit staatlichen Aufträgen, und allgemein Leute, die bei irgend etwas Hilfe brauchten, mit der entsprechenden Hilfe versorgen konnte. So waren viele Leute der machine Gefallen schuldig, und erinnerten sich daran, wenn es entweder eine Wahl gab, oder die machine im Gegenzug irgend etwas anderes von ihnen wollte. Die Unterstützung dieser Leute sorgte dafür, dass die machine in der örtlichen Politik dominant blieb und dadurch weiterhin ihre Gefallen verteilen konnte. Und so ging es weiter und weiter. Besonders neue Einwanderer waren häufig sehr darauf angewiesen, dass die machine ihnen dabei half, sich in einem neuen Land zurechtzufinden.
An der Spitze der machine stand der boss. Manchmal war das ein Bürgermeister, manchmal ein Stadtrat, manchmal der Leiter einer örtlichen Parteiorganisation, und vielleicht manchmal sogar ein Mann, der offiziell gar kein Amt innehatte, bei dem aber trotzdem alle wussten, dass er das Sagen hatte. Der vielleicht bekannteste und berüchtigste boss war Boss Tweed, der im späten 19. Jahrhundert in New York Tammany Hall, die bekannteste aller machines, führte. Tweed soll so offen schamlos gewesen sein, das gesagt wird, er hätte einmal, als ihm ein Journalist Beweise für seine korrupten Machenschaften vorlegte, als Antwort einfach gefragt: „Und, was wollen Sie dagegen machen?“
Republikaner behaupten manchmal, die Anhänger der Demokraten in den großen Städten wären alles machine-Leute, aber in vielen Städten gab es häufig lange Zeit innerhalb der örtlichen Demokratischen Partei erbitterte Kämpfe zwischen der örtlichen machine und ihren Gegnern.
Eine letzte kleine Geschichte zur Illustration des Politikstils der machines: Es wird gesagt, dass im Chicago der späten 1940er Jahre ein idealistischer junger Mann namens Abner Mikva politisch aktiv werden wollte. Da ernsthafte Politik dort zu der Zeit nur von den Demokraten gemacht wurde, ging er ins nächste Büro der Demokratischen Partei und wurde schließlich zum Stadtteilboss geführt. Nachdem Mikva sich vorgestellt hatte, nahm der Stadtteilboss seine Zigarre aus dem Mund und fragte: „Wer hat Sie geschickt?“ Mikva antwortete: „Niemand hat mich geschickt. Ich bin aus eigener Initiative gekommen.“ Und daraufhin sagte der Stadtteilboss: „Wir wollen hier niemanden, den niemand geschickt hat!“